Märchen zum Zweiten

24. Oktober 2021

Der Prinz und die Apfeldiebin

Es war vor Zeiten ein König, der hatte einen schönen Lustgarten hinter seinem Schloss, darin stand ein Baum, der goldene Äpfel trug. Als die Äpfel reiften, wurden sie gezählt, aber gleich am nächsten Morgen fehlte einer. Das ward dem König gemeldet und er befahl, dass alle Nächte unter dem Baume Wache gehalten werden sollte.

Der König hatte drei Söhne, davon schickte er den Ältesten bei einbrechender Nacht in den Garten; wie es aber Mitternacht war, konnte er sich des Schlafes nicht erwehren und am nächsten Morgen fehlte wieder ein Apfel. So befahl der König, dass sein zweiter Sohn die Nacht draussen im Schlafsack verbringen sollte. Wie geheissen schlief der Sohn unter dem Apfelbaum. Jedoch war am nächsten Morgen schon wieder ein Apfel verschwunden. Der Junge schwor aber, dass er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte.
So verkündete der König seinem Hof: „Unter uns ist eine Hexe, sie wird uns alle ins Verderben stürzen. Ende dieses Mondes will ich sie hier haben!“ Der Befehl des Königs wurde noch an diesem Tag den Untertanen mitgeteilt. Es herrschte grosse Aufregung im Königreich, jede Person machte sich Sorgen um ihr Schicksal. Jeder hatte Angst, als Hexe beschuldigt zu werden.
Doch als der Jüngste sich dazu entschied, die Nacht draussen zu verbringen, geschah es. Er schaute in dem Moment eine Castingshow auf seinem Laptop, als ein Knacken vom Baum kam. Mit einer rasanten Bewegung drehte er sich zu dem Ort um, wo das Geräusch herkam. Ein Mädchen, etwa in seinem Alter, hing hilflos an einem Ast und zappelte unaufhörlich mit ihren Beinen. „Bleib ruhig, du wirst sonst runterfallen“, mahnte der Prinz das Mädchen und lief mit schnellen Schritten zu ihr rüber. Im Hintergrund wurde die Castingshow von einer Autowerbung für die Marke Porsche unterbrochen. Das braunhaarige Mädchen sah ihn hilfesuchend an und flehte panisch: „Bitte hilf mir, ich weiss nicht, wie ich runterkommen soll.“ Hektisch suchte er nach etwas, was helfen könnte, fand jedoch nichts. „Lass los, ich fange dich schon auf“, raunte er. Skeptisch blickte ihn das Mädchen an und nickte zaghaft mit dem Kopf. „Na los“, forderte er sie auf und machte eine Handbewegung Richtung Boden.
Seufzend sah das Mädchen zu ihren Händen hoch und kniff die Augen zusammen. Dann lösten sich ihre Hände von dem Ast und sie fiel in die Dunkelheit. Die Arme des jungen Mannes fingen sie ohne irgendwelche Mühe auf. „Ich habe es dir doch gesagt, dass ich dich nicht fallenlasse“, triumphierte er. Mit einer hektischen Bewegung drückte sich das Mädchen von ihm weg und zupfte ihre Haare zurecht.

„Du bist also die kleine Hexe, welche die goldenen Äpfel von meinem Vater klaut“, meinte er. Mit überkreuzten Armen musterte er sie. „Ich bin keine Hexe“, zischte sie und ihre braunen Rehaugen glitzerten wütend.

„Natürlich, verzeih mir, aber ich würde gerne wissen, weshalb du überhaupt Äpfel stiehlst?“, fragte er ungeduldig.
„Meine Mutter braucht diese Äpfel, sie ist schwerkrank und die Äpfel heilen sie“, flüsterte das Mädchen. Der Prinz überlegte und entschied dann: „Ich möchte deine Mutter sehen.“
So liefen die jungen Leute durch den Wald neben dem Schlosshof und gelangten an ein älteres Haus. „Komm ruhig rein“, bat sie ihn. Im kleinen Garten vor dem Haus schlief ein alter Schäferhund, welcher auf einer zerfetzten Decke lag.

Der junge Mann lief durch die Tür und trat auf den knarzenden Fussboden. „Sofia, Tochter, hast du die Äpfel?“, erklang eine kratzende Stimme. „Leider nicht, Mutter, aber ich habe jemanden mitgebracht“, antwortete das Mädchen und zog den Prinzen in ein Zimmer, in welchem eine ältere Dame lag. „Ohh, der junge Prinz. Wie kann ich Ihnen helfen?“, hustete die Frau und versuchte sich aufzurichten, nur um wieder ins Bett zu fallen.

„Gar nicht, ich bin hier, um Ihnen zu helfen“, lächelte der Prinz wohlwollend. „Wie wollen Sie mir helfen, junger König“, lachte die Frau und fing wieder an zu husten.
„Du hast eine schöne Tochter und wenn es dir recht ist, würde ich sie gerne zur Frau nehmen. Sollte dies geschehen, werden Sie von nun an mit den königlichen Äpfeln versorgt“, erklärte der Prinz und kreuzte seine Arme hinter dem Rücken.

„Da willige ich gerne ein“, lächelte die Mutter.

Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.

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